Bis ich dich finde

Liebe Frau vor dem Bio-Supermarkt,

 

Wo bist du? Du bist nicht mehr da. Wartest nicht mehr jeden Tag auf die Menschen, die dir beim Vorbeigehen ein paar Cent in den Becher werfen. Ich gehörte nie zu diesen Menschen. Ich bin dennoch jeden Morgen an dir vorbeigelaufen, Musik auf den Ohren. Ich habe dir manchmal ins Gesicht gesehen, manchmal auch nicht. Oft nicht. Du hast gemischte Gefühle in mir ausgelöst.

 

Zum einen war da Scham. Scham, dass ich dir keine Centstücke in deinen Pappbecher werfe und dies auch niemals ändern werde. Ich habe mich geschämt, weil es andere Menschen gegeben hat, die das durchaus gemacht haben. Die dir Geld gegeben, Geld gespendet haben. Ich habe das nicht getan. Hast du dich jemals gefragt, wieso nicht? Nun, ich kann es dir selbst nicht so ganz beantworten. Einerseits aus Unsicherheit. Wer konnte mir garantieren, dass du tatsächlich auf diese Spende angewiesen bist, um über die Runden zu kommen? Andererseits aus Ignoranz. Ich wollte mich womöglich gar nicht mit deinen eventuellen Problemen beschäftigen. Ich habe ja selbst genug, habe ich mir eingeredet. Außerdem war da noch meine Skepsis. Ich habe dich mit anderen Pappbecher-Haltern gesehen, die auch auf der Suche nach ein paar Cent-Stücken sind. Die auch um Geld betteln. "Ist das schon die Mafia?" habe ich mich oft gefragt. Naiv? Kann sein. Desinteressiert? Eventuell.

 

Du hast aber auch eine kritische Stimme in mir geweckt. Eine die sich fragt, wieso es sein kann, dass Menschen in Deutschland auf der Straße um Geld betteln müssen. Und die als Antwort bekam, dass niemand dies muss, sondern sich freiwillig dazu entscheiden. Oder die sich anhören musste, dass sowieso alle Bettler unter einer Decke stecken. Andere wiederum sagten dieser Stimme, dass sie selbst einen Teil dazu beiträgt, weil sie sich nicht für andere einsetzt, kein Ehrenamt ausübt, nicht spendet. Mit dieser kritischen Stimme bin ich noch heute in Kontakt.

 

Und irgendwie, ich weiß nicht wieso, hast du auch einen leichten Reiz des Genervt-Seins in mir ausgelöst. Immer, wenn ich an dir vorbeigelaufen bin, hast du mir einen Becher ins Gesicht gestreckt. Hast zwar gelächelt, doch dieses Lächeln kam nicht von Herzen. "Natürlich nicht!" rufen einige. Trotzdem war ich genervt. Weil es jeden Morgen das gleiche Spiel war. Jeden Morgen musste ich dich ignorieren, weil ich dir natürlich nicht das sagen konnte, was ich hier schreibe. Sonst wäre ich zu spät auf die Arbeit gekommen, um das Geld zu verdienen, was ich dir nicht geben kann. Ich musste dich ignorieren, weil ich nicht anders konnte. Vielleicht war ich nicht mutig genug. Vielleicht fühlte ich mich zu erhaben. Vielleicht ist es all das genannte und noch mehr. Vielleicht ist es nichts davon.

 

Fest steht: Du hast ziemlich viel in mir ausgelöst und jetzt bist du weg. Du stehst nicht mehr vor dem Biomarkt. Niemand wirft mehr Geld in deinen Becher. Ich weiß nicht, ob etwas mit dir geschehen ist. Oder ob ich mir Sorgen machen muss. Sorgen um eine wildfremde Frau. Aber wenn ich dich das nächste Mal vor dem Laden stehen sehe, werde ich dir meine Gedanken erzählen. Und ein paar Cent in deinen Becher werfen.

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Als wie, wie als, als ob?!

Vergleich, der (Substantiv, maskulin) – sprachlicher Ausdruck, bei dem etwas mit etwas aus einem anderen (gegenständlichen) Bereich im Hinblick auf ein beiden Gemeinsames in Beziehung gesetzt und dadurch eindringlich veranschaulicht wird (z. B. Haare schwarz wie Ebenholz) (Quelle: Duden.de)

 

Sprache kann nerven. Dinge, die wir durch Sprache ausdrücken, können sich im Tatsächlichen manifestieren, ohne dass sie in der Realität existieren. Ich denke also bin ich. Ich vergleiche also bin ich? Denn die netten Sätze, die wir mit "wie" oder auch "als" formen (An dieser Stelle würde ich gerne meine Mama grüßen, die "wie" und "als" permanent vertauscht oder gleich doppelt verwendet und mir aufs Dach steigt, wenn ich sie korrigere. Daher korrigiere ich sie immer), können uns ganz schön in die Irre führen. Und mit "uns" meine ich mich.

 

Sehen wir die Welt mal durch eine rosarote Glitzer-Brille: Jeder Mensch ist einzigartig, hat einzigartige Talente, einzigartige Fähigkeiten oder ist einzigartig, weil er eben keine Einzigartigkeit besitzt. So viel zur Theorie. In der Praxis wird diese universelle Einzigartigkeit und die dementsprechende Individualität der vielen Menschen auf dieser Weltkugel oftmals durch Vergleiche zunichte gemacht. Oder kommt es nur mir so vor? In meinen 25 Lebensjahren habe ich zwei Dinge gelernt. Erstens: Vergleiche sind in der Gedichtsanalyse fast immer eine der richtige Antworten. Zweitens: Vergleiche sind in der Realität oft wie gemeine Schulkinder, die dir beim Vorbeigehen in die Seite boxen. Mit ihrem Ellenbogen. Autsch.

 

Vergleiche tun weh. Wenn ich nach links und rechts schaue, sehe ich oft keine Einzigartigkeit, sondern Superlative. Ich erheben Vergleiche nicht als Stilmittel, sondern um mich (unterbewusst) selbst zu geißeln. Hans ist erfolgreicher, Holger ist schlauer, Hanna ist schöner, Hildegard ist bedeutender als ich. Man ersetze die H-Namen durch beliebige Personen aus dem eigenen Umfeld. Dabei ist mein Vergleich aka Downvoting meiner Person vollkommen subjektiv und nicht mit tatsächlichen Belegen verknüpft. Hans hat mir nicht seinen Lebenslauf unter die Nase gehalten, Holger hat vor mir keinen IQ-Test abgelegt, Schönheit liegt sowieso im Auge des Betrachters und Hildegard heißt noch nicht mal jemand, den ich kenne!

 

Aber: Ich vergleiche mich oft. Tue ich es gern? Vielleicht schon, immerhin tue ich es oft. Mein Unterbewusstsein steht anscheinend darauf, sich mit anderen Individuen zu messen – und dabei den Kürzeren zu ziehen. Dabei sage ich ihm immer: "Du bist erfolgreich. Du bist schlau. Du bist schön. Du bist Hildegard. Lass dich nicht beeinflussen." Doch der Fluss fließt. Und ich kann ihn nur stoppen, in dem ich mich ins fließende Wasser stelle und einen Damm baue. Einen Damm aus Selbstbewusststein, realen Ansprüchen, unterschiedlichen Meinungen und die Wertschätzung dieser. Einen Damm, der für Einzigartigkeit steht. Denn Vergleiche, die nur Negatives in den Menschen auslösen, würden bei einer Gedichtsanalyse nicht gut weg kommen.

 

Vergleiche sollten uns aufzeigen, dass Dinge anders sind, anders sein können, aber deben vollkommen wertfrei. Jemand scheint begabter als ich? So what! Meine Talente sind nicht weniger wert, nur weil ein anderer 340 Orangen aufeinander stapeln kann. Jemand wirkt schlauer als ich? Ich habe es geschafft, im Job als Technik-Genie zu gelten, obwohl ich alle Computer "PC" nenne. Das muss mir erstmal einer nachmachen! Ich finde jemanden schön? Das bedeutet nicht im gleichen Atemzug, dass meine Schönheit nicht existiert. Alles kann schön sein. Selbst Plastiktüten im Wind. Und ein bisschen Hildegard steckt auch in jedem von uns.

 

Also: Weniger vergleichen, mehr wertschätzen. Weniger "wie", mehr Einzigartigkeit. Weniger "als", mehr Selbstbewusstsein. Nur meine Mama, die darf noch vergleichen. Sie muss immerhin noch lernen, wann sie "wie" und wann sie "als" benutzen muss (Kleiner Tipp, Mama: Es gibt da so eine allwissende Quelle namens Internet. Hab ich gehört).

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Plan Me, Baby!

Ich muss mich outen: Ich bin kein wildes Hippie-Gewächs, das von heute auf morgen in den Bully steigt und zu einer Wanderung durch Peru aufbricht. Ich bin kein fetziger Großstadtjunkie, der sich von einem Freelance-Job zum nächsten hangelt, weil das ein "edgy" und "fancy" Leben ist. Ich bin auch niemand, der bis kurz vor knapp bei Einladungen weder zu- noch absagt, um sich so alle Türen offen zu halten. Und jetzt kommt's, mein Outing in einem Satz: Ich liebe Pläne. Ich genieße es, die Dinge im vorhinein zu planen und mich dann auch an meinen Plänen zu orientieren. Doch wieso bedarf es hier ein Outing? Nun ja, weil ich mir diese Tatsache lange Zeit nicht eingestehen wollte und sie gar als charakterliches Manko angesehen habe.

 

Lange bin ich davon ausgegangen, nur Spontaneität sei cool. Die Menschen, die sich nicht festlegen, sind diejenigen, die frei fliegen. Wie kleine Rotkehlchen fröhlich jauchzend durchs Leben flattern. Und das kann auch gut sein: Wer ungern plant und trotzdem klar kommt, mal hier und mal da am Start ist, der sollte das auch genau so weitermachen. Das bewundere ich natürlich auf eine Art und Weise. "Mach dich mal ein bisschen locker" hat zum Glück noch niemand zu mir gesagt, aber dennoch komme bzw. kam ich mir etwas unlocker vor. Doch gerade die Tatsache, dass Struktur für mich eher Freund als Feind ist und ich eine gewisse Routine zu schätzen weiß, hilft mir weiter. Nicht nur in meinem Alltag, den ich dank meiner Organisationsskills (meist) geschickt vorausplanen und meistern kann. Sondern auch im Job, denn Dinge zu planen und zu koordinieren ist in vielen Bereichen eine gefragte Tätigkeit. Und zwar nicht 24/7, sondern eher so nebenbei. Es wird quasi vorausgesetzt, die Zügel in der Hand zu haben und sie auch dort halten zu können. Auch hier gilt: nicht in jeder Branche oder in jedem Job. Aber wenn ich so auf meinen beruflichen Weg zurückblicke, würde ich Organisationstalent als eine Qualität meinerseits ansehen, die ich vorher nie wirklich als solche ausgemacht habe.

 

Eines muss ich an dieser Stelle aber festhalten: Ich bin kein verkopfter Excel-Listen-Für-Alles-Führer, sondern kann auch durchaus spontan sein – nur eben in einem vorgegebenen Rahmen. Okay, das klingt lahm. Und ich gebe zu: Ich muss ab und an tatsächlich lernen, mal locker zu sein und loszulassen. Mal mit dem Flow zu schwimmen. Denn – logisch – man kann nicht alles planen. Ich kann nicht alles planen. Sollte ich das anstreben, wäre ich schnell ziemlich unglücklich. Wäre das jetzt ein drittklassiger Backblog, würde das Rezept für mein Glück wohl lauten: Eine ordentliche Portion Planung, gemischt mit einer Tasse unerwarteter Ereignisse, die sich Leben nennen, vollendet mit einem Esslöffel Spontaneität. Auf 39857 Grad im Ofen backen und hoffen, das etwas Gutes dabei rauskommt!

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Schicksal mich mal

Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt. Das ist nicht mein doofes Lebensmotto, das ich mir als buntes Wandtattoo an meine Küchenwand geklebt habe, sondern eine Einstellung, die ab und an auf mich zutrifft. Ich bin kein totaler Querdenker, kein kreatives Genie, das sich gegen den gesellschaftlichen Einheitsbrei stellt. Und doch habe ich meine eigene Meinung. Die ist wie eine Heizdecke: Viele finden sie uncool, aber in Wahrheit überzeugt sie auf ganzer Linie. Nun, genug der metaphorischen Vergleiche. Beim Sich-Die-Welt-Zu-Eigen-Machen spiele ich wie gesagt manchmal mit. Und vor allem dann, wenn es "vorherbestimmte Abläufe" betrifft. Denn ich glaube nicht an das Schicksal. Oder den Zufall. Eigentlich. Ich glaube vielmehr daran, dass jeder sein Leben selbst in der Hand hat. Nicht nur, wenn er oder sie waghalsig vom Zehn-Meter-Turm springt, sondern auch dann, wenn es um wesentliche Entscheidungen, Wege und Vorkommnisse geht.

Menschen, die an den Zufall glauben (wenn man es Glaube nennen kann), sind mir ein wenig suspekt. Ich meine, 'Zu-Fall' bedeutet ja schlichtweg, dass dir die Dinge einfach so geschehen, du keinen Einfluss auf sie hast und sie dementsprechen auch nicht verdienst. So einfach. Wenn mir etwas zufällt, wie zum Beispiel ein Stück Pizza, das jemand versehentlich von einer Brücke auf mich herunterfallen lässt, dann freue ich mich natürlich im ersten Moment. Aber: Habe ich die Pizza wirklich verdient? Würde mir die Pizza nicht besser schmecken, wenn ich sie selbst gekauft hätte? Von meinem eigenen, nicht zugeflogenen Geld? Naja, wahrscheinlich nicht, denn Pizza ist immer gut. Aber es geht mir darum: Wenn allein der Zufall entscheidet, dann müsste ich theoretisch meinen Popo nie wieder bewegen. Ich hab ja eh nichts in der Hand, geschieht ja alles einfach so. Das ist ein Gefühl von Ohnmacht, was mich ziemlich abturned. Da hilft sogar der Gedanke an Pizza nicht mehr.

Und was ist mit dem Schicksal? Nun, Schicksal bedeutet ja nichts anderes, als dass alle Entwicklungen vorherbestimmt sind. Auch schon wieder so eine Schwarz-Weiß-Geschichte. Wie langweilig! Ich meine: Wer macht sich freiwillig die Mühe, allen Menschen ihren Weg vorzuzeichnen? Außer natürlich ich selbst, wenn ich für einen einzigen Sims ein pompöses Haus erstelle, nur um ihn nach den ersten fünf Spielminuten im Pool ertrinken zu lassen. Das Schicksal ist kein mieser Verräter, das Schicksal ist wenn überhaupt ein ziemlicher Langweiler. Ist ja eh alles schion gescripted.

Und hier kommt meine nicht vorhandene Lebenseinstellung ins Spiel: Wenn man sich mal hier einer Prise Zufall und mal da einem Hauch Schicksal bedient – so á la Do-it-yourself Baukastensystem fürs Leben – erhält man meiner Meinung nach eine ziemlich ansprechende Mischung. Eine Mischung aus "Das ist einfach so passiert, kann ich halt nichts für. Lustig ist es trotzdem." und "Wow, vorherbestimmt! Es musste so kommen! Ich hab es gewusst!". Je nach dem, wie geschickt man diese Mischung auf sein Leben(swerk) verteilt, desto effektiver kann man sein eigenes Glück pushen. Aber die wichtigste Zutat ist: eigener Schweiß. Also im übertragenen Sinne. Nicht Zufall, nicht Schicksal, sondern die eigene, verdammte Arbeit und Leistung zahlt sich am Ende aus. Auch wenn es mal nicht so gut läuft (Zufall!) oder man einen Fehler macht (Schicksal!), sorgt der eigene Ehrgeiz eigentlich immer für ein halbwegs vorzeigbares Ergebnis. Wie bei einem Kinderkartenkind, was stolz wie Oskar mit einem miserablen Bild nach Hause kommt. Es wird trotzdem geherzt.

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Ein Googledicht

Ich mache mir Sorgen.

Was läuft heute im Fernsehen?

Ist die Welt noch zu retten?

Ich denke also bin ich.

Mein Lieblingsladen.

Ich esse zu viel.

Was soll ich studieren?

Ich mag keine Menschen.

Mein Albtraum ist wahr geworden

Partys sind langweilig.

Mein Ego ist zu groß.

Was kommt in die Schultüte?

Und dann kam Polly.

Was tue ich gegen Obstfliegen?

Nein bitte nicht, das tut so weh Oma!

Hör auf Google.

Ich mache niemals Vorhersagen und werde das auch niemals tun.

Danke Google.

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