Kaputtfragen

"Frag dem Mann doch kein Loch in den Bauch!" Kinder kriegen solche oder ähnliche Aussagen oft zu hören. Dabei ist es eine Kunst, die richtigen Fragen zu stellen. Für manche Menschen in unserer Gesellschaft ist es grundsätzlich eine Kunst, Fragen zu stellen. Denn das Gemeine an Fragen ist, dass sie (meistens) auch eine Antwort liefern. Und manchmal möchte man gar keine Antworten. Und manchmal möchte man zu viele. Das generische "man" steht in diesem Fall für mich – wer hätte es gedacht.

 

Ich denke, also bin ich. Ich frage, also zweifle ich. Ich gehöre zu der Sorte Mensch, die 485.548.948.289,67 Fragen in sich trägt und nur 0,0000089% davon nach außen trägt. Das hat weniger etwas damit zu tun, dass ich mich nicht traue Fragen zu stellen. Das tue ich allemal. Solche Fragen betreffen aber meist Themen, die nicht ICH sind. Themen, wie Arbeit, Freizeit, Kultur, you name it. Denn wenn ich Fragen über mich selbst stellen würde, dann würde ich ja auch darauf eine Antwort erhalten – Oh Graus! Auf die meisten dieser Fragen will ich aber keine Antwort erhalten. Ein Auszug:

  • Warum hat sie sich heute so merkwürdig verhalten? Habe ich etwas Falsches gesagt oder mich in den letzten drei Stunden kränkend verhalten?
  • Wieso kann ich nicht einfach die umfassende Selbstkontrolle ausüben, die ich in meinem Kopf längst habe?
  • Wieso sehe ich bestimmte Muster im Alltag nicht, die andere leicht erkennen können?
  • Wieso (hinter)frage ich mich ständig?

Ja, ganz schön anstrengend, diese Fragen. Und um ehrlich zu sein, sind sie nicht weiter schlimm. Denn: Was wäre die schlimmste Antwort, die auf solche Fragen gegeben werden könnte? Es wäre eine Antwort, die meine eigenen Selbstzweifel nährt. Die dieses Fünkchen Hoffnung in mir erlischt, welches sich daran klammert, dass das eigene Selbst – mein Selbst – gar nicht so grottig ist, wie ich es mir manchmal selber weiß machen will.

 

Manchmal kann ich mich selbst ganz schön kaputtfragen. Fragen fragen, immerzu. Gedanklich, mal leise nagend, mal laut polternd, selten still. Hinterfragen ist eine gute Sache. Hinterfragen bringt weiter, erweitert den Blick. Kaputtfragen ist zerstörerisch, der Name ist Programm. Kaputtfragen sucht auch eigentlich nicht nach Antworten. Es sucht nur nach Bestätigung und somit Entkräftigung. Das Kaputtfragen ist wie Karies. Dagegen hilft Prophylaxe. Prophylaxe abseits der Metaebene bedeutet in meinem Fall: offenes Fragen. Wer Fragen ausspricht, kann sie in seinem Kopf nicht weiterspinnen. Wer Fragen ausspricht, macht aus ihnen das, was sie sind: Fragen. Keine Kaputtfragen. Wenn sich das nächste Mal Kaputtfragen einschleichen, muss ich Mut haben. Mut haben, die Kaputtfragen laut auszusprechen, um ihnen ihre Wirkungsmacht zu nehmen – die ich ihnen im ersten Schritt durch das Schweigen selber zuschreibe. Wer laut fragt, mag manchmal unsanft landen. Wer alle Fragen in sich verschließt, fragt sich irgendwann selbst kaputt.

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