Fassung

Ich verstehe es nicht. Ich verstehe nicht, wie du so sein kannst wie du bist. Wieso du da bist. Unvoreingenommen. Unvollkommen. Und doch ganz. Ganzheitlich unterstützend. Partiell kritisch. Immer richtig. Es gibt Momente, in denen ich gerne deinen Kopf in meine Hände nehmen und anstarren will. Einfach nur starren. So wie es die Bösewichte in den Filmen immer tun. Nur dass ich nicht böse bin. Ich bin neugierig. Neugierig alles zu entdecken, was sich in deinem Schädel verbirgt. Neugierig zu erfahren, wie du zu der Person geworden bist, die du jetzt für mich sein kannst. Aber ich starre nicht, das wäre unhöflich. Manchmal schaue ich nur einen Bruchteil länger hin, als ich es normalerweise tue und fühle mich dann ganz verwegen. Und ich fühle mich mutig. Mutig, weil ich in mir selbst eine Entdeckungsreise gefunden habe, auf die du mich geführt hast. Vorher habe ich mich im Dschungel versteckt. Jetzt finde ich blind durch ihn hindurch. Ich bin euphorisch, dass Zwischenmenschliches so spannend sein kann. Immer wieder. Aufs Neue. Immer der Gleiche und trotzdem nicht langweilig. Ich bin mir sicher, dass es viele Menschen geben würde, die dich bezahlen würden, um dir zuhören zu können. Du versetzt mich in Spannung, als seist du eine Märchen vorlesende Oma und ich ein kleines Kind. Komplimente machen war noch nie meine Stärke, weißt du. Viele Stärken, von denen ich lang nichts wusste, hast du reaktiviert. Ich mag Schnulzen nicht. Trotzdem mag ich es, mit dir schnulzig zu sein. Ist das paradox? Ich frage mich manchmal so viele Fragen und kriege die richtigen Antworten in deiner Stille. Ich fange an, meine Gedanken in deine Richtung zu lenken und Texte über dich zu schreiben. So wie diesen hier. Ich glaube, das ist gut so. Ich glaube, es sollte mehr Menschen wie dich geben, die andere antreiben, sich selbst zu verwirklichen. Und ich glaube mittlerweile auch, dass man ruhig mal nett sein kann. Ich kann auch mal nett sein. Und verliere die Fassung. Schwappe positiv über. Hui.


Nur so 1 Gedanken

Nein nein nein nein nein. Oder doch? Manche Social-Media-Monster-Trends verteufel ich. Wie damals diese Challenge, wo man Bier trinken musste. Und sich filmen musste. Das war glaube ich der Kerngedanke der Aktion. Ähm ok. Ich trinke Bier, wenn ich mag. Ohne mich zu filmen. Wer weiß, wo das dann landet. Die Bier-Trinker-Szene ist sehr gefährlich! Ausrufezeichen! Eins Elf!

Mittlerweile hat sich ein neuer Troll-Trend entwickelt: Menschen schreiben scheiße. Und zwar nicht, weil sie lieber Model werden wollten, anstatt zur Schule zu gehen. Sondern, weil sie es können. Richtig: Extra Fehler machen, weil man klug ist. Liebe Lernende, merkt euch das. In diversen Facebook-Gruppen wird unzumutbare Rechtschreibung und Grammatik als der heißetste Shit deklariert und die Menschen machen mit. Hunderte, Tausende. Dumme Sprüche ohne Bilder, dumme Sprüche mit Bilder. „Du bist mein Love vong Liebe her gesehen„. Verstehen Sie den tieferen Sinn? Gefühle, die ungeniert und ohne sprachlich reglementierte Barrieren ihren Ausdruck und pure Wirkung entfalten können, prasseln auf uns ein. „Was ist das für 1 Life“ fragen sich in diesen Tagen viele und nagen dabei paralysiert an ihren roten Korrekturstifen. Auch ich als kleiner Klugkacker und verbesserungswütiger Grammatikbürger hatte am Anfang einen offenen Mund. „Ist denen das ihr Ernst?“ fragte ich mich und fing an, wütende Kommentare mit vielen einsen, elfen und Ausrufezeichen zu verfassen.

Doch dann überkam es mich, wie die neue Rechtschreibreform unser Bundesland: ES IST 1 SCHERZ. Vong Ernst her gesehen, versteht sich. Menschen, die eigentlich akzeptabel schreiben, verstecken sich unter dem Deckmantel des schieren Wahnsinns. Und dafür muss man sich Mühe geben, ich schwöre! Es bedarf einiges an Hirnleistung, seine Hirnleistung umzukehren. Hierbei sollen natürlich nicht gerade die bloßgestellt werden, die schlichtweg nicht fähig sind, den Regeln gerecht zu schreiben. Es wird die Schnelllebigkeits-Schreibe angeprangert. In Zeichen von WhatsApp und Kot vergessen viele Menschen, dass es Punkte gibt. Und Kommata. Ausrufezeichen sind eigentlich ganz angesagt. Vollständige Sätze eher so semi. Und Artikel? Die brauch doch keiner! Präpositionen an den richtigen Stellen kosten auch nur wertvolle Zeit. Lieber ein Mischmasch aus Aufzählung, Denglisch und sonstigem Sprach-Müll, der gelagert wird.

Daher sage ich: fein. Endlich mal ein Sprach-Trend, der – sorry Jugendwort – eine problematik adressiert und den Sprachgeist der Zeit trifft. Ob das von allen Partizipierenden erkannt wird, ist wohl fraglich. Ich hoffe mal auf ein kollektives Verständnis der ganzen Aktion. Also: Wer in Zukunft etwas Kritik üben will, seinen Humor beweisen möchte und einfach den lieben langen Tag im Internet unterwegs ist: schreiben. Extra scheiße. Meiner Hoffnung nach wird dann die Wahrnehmung für schönes Schreiben geschärft. Umkehrschluss-Prinzip oder so. Einen klugen Begriff (und keinen furchtbaren vong Namensgebung her gesehen) muss ich mir dafür noch einfallen lassen.


Ich floskel dich tot

Es ist wieder soweit! Wer kennt das nicht? Die Erstellung eines Textes steht vor der Tür. Ein harter Brocken, für Groß und Klein. Und obwol meist für das leibliche Wohl gesorgt ist, so läuft der Countdown nicht immer auf Hochtouren. Dabei ist vorprogrammiert, dass das Ganze ins Wasser fällt, wenn nicht die richtigen Formulierungen gewählt werden. Egal, was da so auf dem Vormarsch ist, mit Floskeln ist man immer auf der richtigen Seite.

Viele Texte haben noch Luft nach oben, weil sie – kaum zu glauben – den Floskeln und Phrasen abschwören! Die landen eiskalt auf dem Abstellgleis. Aber wo kämen wir denn da hin? Fieberhaft und mit Hochdruck nach neuen Ausdrücken suchen? Nicht mit mir. Am hellichten Tag so ein Verbrechen zu begehen, das kann ich nicht gutheißen. Die überwiegende Mehrheit der Menschen liebt doch unsere bewährten Floskeln. Um die führt eben kein Weg drum herum. Kurz gesagt: Das Interesse an Floskeln reißt nicht ab.

Texter, Autoren und Redakteure sollten das verinnerlichen. Sie sollten an einem Strang ziehen, um den Menschen die optimalen Texte zu liefern. Das ist einfach unsere Aufgabe. Da gibt es keine Ausreden. Das Boot für schlechte Texte ist voll. Ich staune nicht schlecht, wenn ich so manchen „kreativen“ Text lese: Der Schock sitzt tief, wenn ich noch nicht mal eine geläufige Floskel finde. Es ist wichtig und richtig, sich an diese sprachlichen Traditionen zu halten. Dagegen ist noch kein Kraut gewachsen. Manchmal muss man auch eben ein bisschen Geld in die Hand nehmen, um wirklich gut zu arbeiten.

Ich möchte mich nicht so weit aus dem Fenster lehnen, aber: Dass Floskeln vermieden werden, ist kein Einzelfall. Hier muss sich was ändern! Ein Stück weit hat jeder die Verantwortung, fulminante Floskeln in die Welt zu tragen. Dafür gebe ich grünes Licht – mit der Initiative „TDBAUDWLNGWZS“ (Texte, die Brechreiz auslösen und dich wünschen lassen, nie geboren worden zu sein), die ich in naher Zukunft ins Leben rufen werde.

Tschö mit ö, see you later alligator, auf Nimmerwidersehen!


Kann das mal bitte einer wegmachen?

Liebe Leute da draußen vor den Bildschirmen: SOS! Hilfe! Ätänschen! Ich habe ein Problem. Ok, zugegeben: Ich habe mehrere Probleme. Beschränken wir uns bei diesem Text aber tatsächlich nur auf eines.

Ich sabotiere mich selbst.

Erst wollte ich es selbst nicht wahr haben, doch dann kam die Erkenntnis: Ich bin verkorkst. Und nicht auf diese „Ach, ich bin ja so speziell“-Art und Weise. Sondern tatsächlich komisch.

Glückseligkeit, Akzeptanz und Zufriedenheit kann ich nur einige Wochen am Stück ertragen. Dann bekomme ich die Nebenwirkungen dessen zu spüren: Gedanken. Viele Gedanken, die sich in mein Hirn pflanzen. Diese einfach zur Seite schieben und vergnügt mit dem tollen Leben weitermachen? Das wäre ja viel zu konventionell. Lieber mal ein bisschen Panik machen.

Was, wenn ich nicht genüge? Was, wenn das Gesagte nicht so gemeint war? Was, wenn ich etwas falsches tue, von dem mir aber niemand sagt, dass es falsch ist und ich dann auf einmal mit einem lauten Knall umfalle?

Dieser Fragenkatalog wurde fein säuberlich von meinen schlechten Erfahrungen mit einigen, mehr oder weniger menschlichen, Geschöpfen konzipiert. Danke dafür übrigens. So sitze ich manchmal gedanklich in mir selbst und hinterfrage – nein – dekonstruiere mein Tun und Sein. Das Endergebnis sieht dabei immer aus wie folgt: Katastrophal. Erschütternd. Indiskutabel verheerend. Als würde ich mir das Zertifikat „liebenswürdige Person“ aberkennen.

Aber mal im Ernst, liebes Unterbewusstsein: So geht das nicht. Wenn du nicht aufhörst, dich über Glück zu wundern, muss ich mich von dir trennen. Ich muss dich verlassen, wenn du nicht realisierst, dass ich eigentlich ganz knorke bin, auch wenn manchmal eine Tasse aus dem Schrank fällt. Ich werde unsere innige Beziehung beenden, wenn du mich komsich werden lässt, sobald auch nur irgendetwas passiert, was in eventuellem Maße zu einer ungewissen Problematik führen könnte. Du und ich – daran müssen wir arbeiten.

Ich habe uns daher eine To-Do-Liste erstellt. Erstens: Nuggets chillen. Zweitens: In den Ruhemodus schalten. Drittens: Einfach mal ne Runde powernappen. Und wenn die unberechtigte Kritik dann immer noch im Kopf hallt, wie ein Posaunenchor – hören wir  einfach auf den Rat unserer vielen, guten Freunde:

„Halt die Fresse.“


"Metamorphose!"

schreie ich und renne im Kreis. Ich war eine Raupe, klein und glibberig. Und jetzt? Bin ich ein Schmetterling, der seine Flügel ausbreitet und einfach davonschwebt. Es ist etwas geschehen! Eine Verwandlung, Transformation; das Level-Up ist eingetreten! Meine metaphorische Metamorphose beglückt mich und ich grunze entzückt.

Ich, die drei Meter Sicherheitsabstand hält, sobald ich auch nur den Hauch einer Kinderstimme vernehme, freue mich auf einmal über Kinderlachen! Ich, die innerliche Schimpf-Tiraden beginnt, sobald Schulkinder in den Bus einsteigen, lächel auf einmal fremde Babys an. Ich, die selbst ernannte Kinderhasserin, finde auf einmal Gefallen an den kleinen Geschöpfen.

Grund dafür ist nicht der auf einmal in mir aufkeimende Kinderwunsch (lautes Lachen meinerseits), sondern die Tatsache, dass die Menschen in meinem Umfeld bekindert sind (diese Formulierung ist 1a). Immer mehr Herzensmenschen meines Lebens gebären. Und das ist toll! Diese kleinen Würmchen haben nämlich viele Vorteile. Man kann sie ansehen, man kann sie anfassen und man kann sie auf den Arm nehmen (ohne dass sie sich wehren können, wie wunderbar). Und wenn sie dann immer größer und immer aktiver werden, ist sogar Interaktion möglich! Wer hätte das gedacht? Dass ich als Tante mal einem anderen Wesen die Worte „Jippi“ und „Perfekt“ beibringe? Ich fühle mich geehrt, den Wortschatz eines Menschleins aktiv mitgestalten zu können. Missbrauch dieser verantwortungsvollen Aufgabe nicht ausgeschlossen.

„Ich will mit dir kuscheln“, war die Formulierung meiner Nichte, die mein Eisherz endgültig zum Schmelzen brachte. Diese unbegründete, aufrichtige Form der Zuneigung ist vielen erwachsenen Menschen verkannt. Umso schöner ist es, das alltäglich erleben zu können. Neben Pipi-Pannen, Tränen-Traumata und grundlosem Geschrei, versteht sich.

„Metamorphose!“, schreie ich noch ein wenig lauter, während ich immer noch im Kreis renne und schon ein bisschen stolz auf mich bin.


Nochmal

Wie viel würd ich dafür geben, diese Momente ein zweites Mal zu durchlaufen. Dich zu treffen – zufällig, ungeplant, komisch. Unsere ersten Begegnungen festhalten und intensivieren, weil sie damals so flüchtig an mir vorbei strichen. Dich umarmen mit der Gewissheit, dass aus dieser Umarmung so viel mehr wachsen wird. Mit dir Tee zu trinken und diese Zeit unbeschwert zu genießen, ohne wirre Gedanken in meinem Kopf.

Denn ich wüsste ja, wohin unser Weg führt. Ich wüsste, dass alles ziemlich super laufen wird. Ich wüsste, wie du mich siehst.

Ich würde so gerne nochmal zum ersten Mal über deine Lippen nachdenken und mir darüber den Kopf zerbrechen, ob ich ihnen irgendwann einmal nahe sein werde. Ich würde über dich sprechen wie über einen guten Bekannten, den ich in sich selbst faszinierend finde. Menschen würden mir Fragen über dich stellen, neugierig, welche Spannungen sich zwischen uns entwickelt haben.

Du warst unergründet für mich und bist es in Teilen immer noch.

Dieser besondere Moment, in dem klar wurde, dass er vorhanden ist, dieser Funke. Diesen Moment möchte ich noch mal durchleben, ihn festhalten und jede seiner Fasern in mein Gedächtnis aufnehmen. Manchmal habe ich Angst zu vergessen, was passiert ist. Als wäre ich im Rausch gewesen und meine Erinnerungen daran langsam verblassende Pastellfarben. Ich möchte diesen besonderen Moment als Marker in meinem Kopf behalten.

Und ich möchte neue Momente sammeln. Bunte, trübe, tosende, leise, ekstatische, kühle, trunkene Momente. Im Gegensatz zu dem Wunsch das bereits Erlebte wieder zu erfahren, ist dieser Wunsch wahrhaftig. Die Umsetzung dessen lässt mich so lächeln, wie in allen Momenten mit dir bisher.


Die Post ist da!

Jeder kriegt gerne Pakete oder Päckchen: Die Vorfreude auf das Eintreffen, die Spannung beim Öffnen der Verpackung und die Glückseligkeit beim Ansehen des Inhalts. Selbst wenn man es gefühlt eine Stunde vorher bei Amazon bestellt hat. Ein Paket zu bekommen, ist cool.

Jetzt kommt das große, dramaturgische Aber, das ja kommen muss (was wäre das sonst für ein Blogeintrag?) ABER: Es gibt da so verschnürten Ballast, den jeder mit sich rum trägt. Und dieses Paket ist ziemlich unbeliebt.

Sei es eine vergangene Beziehung, das Verhältnis zu den Eltern oder ein Kindheitstrauma – dieses Paket kann so individuell sein, wie es sein Träger ist. Das Ding ist dabei: Manche von uns sind bessere Postboten, als andere.

Es gibt die, die ihre Berufung vollkommen missverstehen und nach Abliefern des Pakets (das aus einem Um-Die-Ohren-Hauen-Prozedere und gelegentlichen Gefühlsausbrüchen besteht) jeden Tag wieder an der Haustür klingeln und fragen, wie das Paket denn gefallen hat. Das ist die Sorte Mensch, die ihre angesammelte, seelische Last zu einem so prägnanten Punkt in ihrem Leben macht, das sie einen Störfaktor für jede einzugehende, menschliche Bindung darstellt. Diese Leute kommen nicht damit klar, dass das Paket irgendwann abgegeben werden muss. Sie klammern sich daran, weil sie dessen Inhalt noch nicht verarbeitet haben.

Und dann gibt es die Postboten mit Arbeitsverweigerung. „Pakete? Welche Pakete? Ich hab keine. Ich fahr hier nur fröhlich mit meinem gelben Postauto durch die Gegend. Pakete liefere ich nicht aus. Ach, das ist mein Job? Davon stand aber nichts in der Stellenanzeige…“ Diese Sorte Mensch denkt zwar, er oder sie habe kein Paket zu tragen. Aber ab und an fällt dann doch der riesige Haufen Pakete und Päckchen im eigenen Kofferraum auf, den man doch so gut es ging, verdrängt hatte. Dann kommen kurz Frustration, Wut, Trauer und Angst zusammen hoch, bevor auch diese Emotionen brav in ein Päckchen wandern und im Kofferraum landen.

Und dann gibt es noch jene Postboten, die ihren harten Job eigentlich ganz gut hinbekommen. Klar, sie haben Pakete dabei. Und manche sind ziemlich schwer. Aber wenn sie dort ankommen, wo sie ein Paket abliefern können, dann tun sie es. Sie wissen, dass es sie nicht umbringt, ihre Last zu teilen. Sie wissen aber auch, dass sie ihre Last nicht vollkommen auf andere übertragen können. Sie wissen: Manche Pakete sind ziemlich bescheiden. Aber die lassen sich leichter tragen wenn man weiß, was drin ist. Und wenn man eine helfende Hand hat, die beim Tragen tatkräftig mit anpackt.

Solch ein Postbote möchte ich sein.


Voll retro

Wann bin ich eine Seniorin geworden? Oder war ich schon immer alt, wurde 1703 geboren und werde mir erst jetzt der Reinkarnation bewusst? Ich rede hier nicht davon, dass ich gebrechlich werde (mental vielleicht von Zeit zu Zeit) oder dass meine Haut über Nacht erschlafft ist (mal noch ist alles relativ fest). Ich sag es mal ganz platt: Was ist da los, in der Realität, die wir Alltag nennen?

Ein freundliches Hallo für den Busfahrer, der Mutter mit Kind im Kinderwagen die Treppe runter helfen oder schlicht „Bitte“ und „Danke“ sagen – das alles ist nicht mehr so in. Oder erlebe ich nur Negativ-Beispiele in meinem Umfeld? Bewusst geworden ist mir dieser Mangel an Höflichkeit und Entgegenkommen erst, als mir höfliche und entgegenkommende Menschen besonders aufgefallen sind. Denn eigentlich sollte das doch die Norm sein und somit gar nicht weiter ins Gewicht fallen. Doch wenn Jemand beim Einkaufstüten-Tragen hilft und das ganz unaufgefordert, gilt er als Samariter.

Klar: Ich selbst bin auch nicht immer so aalglatt, wie es durch meine vorherige Empörung scheinen mag. Ich hab miese Tage mit mieser Laune und miesen Gedanken. Wem es niemals so geht, der soll bitte den Mund halten. Angeber mag nämlich Keiner. Wer mies drauf ist, sollte seine Negativitäts-Wolke aber mal schön über sich selbst regnen lassen und nicht auch noch Andere mit in das Unwetter hineinziehen.

Freundlich sein, zuvorkommend sein, hilfsbereit sein. Diese Zustände sollten alltäglich realisierbar sein. Damit bereitet man nicht nur anderen einen schönen Tag, sondern im Endeffekt auch sich selbst. Ja, ich weiß: Früher war nicht alles besser. Menschen wurden auf Scheiterhaufen verbrannt, Schulterpolster waren ein Statussymbol und es gab kein Pokémon Go. Aber ein respektvoller Umgang miteinander, der sollte wieder in Mode kommen.


Besuch im Kopf

Das Hirn, vornehmlich zur Abendstunde, in einer der hintersten drei Gehirnwindungen. Ein Gast tritt ein. Ein durchaus bekanntes und doch nicht willkommen geheißenes Gesicht. Unangenehme Stille begleitet ihn. Die Hand schüttelt man ihm nicht. „Mein letzter Besuch ist schon viel zu lange her“, tönt er hocherfreut. „Na, was schaut ihr denn so? Ich weiß, ich weiß. Ich sollte öfter mal vorbeischauen. Aber ihr wisst ja, ich werde auch in anderen Köpfen gebraucht“.

Stille. Niemand geht auf ihn ein. Das stört ihn aber ganz und gar nicht. Ist schließlich das, was er jedes Mal erfährt, wenn er vorbeikommt. „So, wo fangen wir denn mal an… Aha! Wie sieht es denn so im Beruf aus? Da kann doch nicht alles glatt gelaufen sein. Wie ich sehe, ist da so die ein oder andere Aufgabe, die nicht zu 100% korrekt gelöst wurde. Ausbildung hin oder her, das kann so nicht funktionieren. Wir sind hier ja nicht auf der Kirmes.“

Betretenes Schweigen. Er bringt immer solche Argumente an, die eigentlich keine sind. Oder doch? „Also, ich würde mal sagen, dass wir das nochmal durchaus kritisch hinterfragen sollten. Was können wir denn überhaupt gut? Ich meine wirklich gut. So, dass wir andere beeindrucken“. Fragende Blicke in der Runde. „Ja, das habe ich mir gedacht. Die Antwort ist: Ziemlich wenig bis gar nichts. Unsere Fähigkeiten sind allerhöchstens Mittelmaß. Das solltet ihr euch hinter die Ohren schreiben“.

Niemand äußert sich. Er wird sehr schnell laut. Meistens, weil er ja doch irgendwie Recht hat. Oder? „Und das eine Kompliment vor ein paar Tagen, das vergessen wir ganz schnell wieder. Das war eh nur erfunden, um uns nicht total zu blamieren. Denkt immer daran, was ich euch über Komplimente erzählt habe“.

Nichts ist wahr, außer es ist negativ. Den Spruch vergisst Niemand. „Und mal ganz im Ernst: Dieses Gefühl, dass alles eigentlich ganz rund läuft, sollten wir schleunigst aus unserem Repertoire streichen. Davon haben wir eh keine Vorteile„. Alle schreiben fleißig mit. Was er sagt, ist Gesetz.

„So, und zum Schluss macht bitte jeder von euch eine Liste mit 15 Punkten, die verbessert werden müssen. Ja, ich weiß, 15 Punkte sind nicht viel, aber ich bin heute mal nicht so. Ich komm in ein paar Tagen wieder und dann vergleichen wir das Ganze“. Ist notiert. „Meine Lieben, das wars auch schon wieder für mich. Bin immer beschäftigt, ihr kennt das ja. Oder auch nicht. Naja, egal. Bis bald!“

Ein Murren geht durch die Runde. Bis bald, Herr Selbstzweifel.